Der systemisch-konstruktivistische Ansatz in der Supervision

Bericht von der Weiterbildungsveranstaltung der Regionalgruppe Thüringen

mit Frau Neumann-Wirsig (BTS Mannheim), 12./13. Oktober 2001 in Erfurt

 

Auch schon die Eingangsrunde gestaltete sich systemisch-konstruktivistisch: Worauf werden Sie hier achten? Was sind Ihre Kriterien für Beobachten? Was müsste passieren, wenn Sie am Ende der Veranstaltung zufrieden sein werden? Woran würden Sie merken, dass geworden ist, was Sie sich wünschten? – zirkuläre Fragen, geeignet, auf besondere Weise Erwartungen der Teilnehmer abzuklären, Fragen mit systemisch-konstruktivistischem Hintergrund, die nicht
(wie z.B. beim analytischen Vorgehen) nach Ursachen, sondern nach Wirkungen suchen. Bei dieser Art der Fragen bleibt die Verantwortung immer bei den Teilnehmern; letztlich stellt sich hierbei die Frage an die Teilnehmer, ob sich an dem Bild von sich selbst am Ende etwas geändert haben wird.

 

Diese Orientierung korrespondiert mit der Grundannahme des Radikalen Konstruktivismus‘ (Maturana, Varela, Schmidt, Roth, Köck, Glasersfeld, ... ), die wichtigste Eigenschaft des Gehirns sei es, seine eigene Wirklichkeit zu erschaffen. Dafür nutzt es über 90 Prozent der Informationen aus dem eigenen Fundus - und nicht etwa die über die Sinnesorgane von der Außenwelt aufgenommenen. Also muss das, was für wahr oder wirklich gehalten wird, bei jedem etwas anderes sein. Das Gehirn weist den an sich bedeutungsfreien neuronalen Prozessen die Bedeutung erst zu. Raum und Zeit sind notwendige kognitive Ideen, aber keine erfahrbare Wirklichkeit. Die Unterscheidung von Innen und Außen existiert nur im Gehirn; ein Ich ist im Gehirn nicht nachzuweisen.

 

Das separate Ich ist also eine Einbildung. Und dies wiederum eine provokante These der Gehirnforschung und der Neurophysiologie in den 80er Jahren, ein Angriff auch gegen alle sprach- und textbasierten Disziplinen – wie z.B. die Semantik, aber wohl auch verschiedene Beratungs- und Therapieansätze - und zwar mindestens mit folgenden Konsequenzen:
1. Was auch immer du sagst, ich verstehe, was ich verstehe(n) (kann oder will),

2. Was immer ich verstehe, verstehe ich bzw. meine ich, ganz gleich was ich sage ...

 

Das radikal-konstruktivistische Modell arbeitet dementsprechend mit folgender Annahme: Jede Person sagt, was sie sagt, und hört, was sie hört, gemäß ihrer eigenen Strukturdeterminiertheit; dass etwas gesagt wird, garantiert nicht, dass es auch gehört wird. Kommunikation hängt nicht davon ab, was übermittelt wird, sondern ganz überwiegend davon, was im Empfänger geschieht.

 

Welche Konsequenzen haben diese konstruktivistischen Annahmen für die Supervision und was kann in dieser Situation der Supervisorin und dem Supervisor angeraten werden? Diesen Fragen haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Weiterbildungsveranstaltung der Regionalgruppe Thüringen der DGSv (nebst Gästen angrenzender Regionalgruppen) letztlich zugewandt, allerdings sehr praktisch-anschaulich und basierend auf den Erfahrungen aller Beteiligten in Beratung und Supervision.

 

Am Ende waren alle sechzehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer für diese Frage stärker als bisher sensibilisiert: Möglicherweise sollte im Supervisionsprozess der Schwerpunkt „radikal“ auf die individuelle mentale Verarbeitungstätigkeit gerichtet werden, mit einer dementsprechend stärkeren Orientierung auf die Autonomie der Verarbeitungsmechanismen. Als Supervisorin oder Supervisor kann ich also meine Supervisanden nicht instruieren (selbst wenn ich dies wollte), ich kann auch nicht wissen, in welcher Richtung zu denken für meine Supervisanden nützlich ist. Als Grundhaltung ist dem Supervisor und der Supervisorin dementsprechend eine „achtsame Zurückhaltung“ (Wrede 1990, 100) anzuraten, die gekennzeichnet ist durch die Polaritäten Neutralität und Neugier, Aktivität und Passivität, Macht und Ohnmacht sowie Verantwortung und Grenzen der Verantwortung.

 

Aus dieser wertschätzend-zurückhaltenden Grundhaltung ergibt sich auch die Notwendigkeit einer Relativierung der Auffassung von der Übertragbarkeit von Erfahrungen, von Inhalten, von Sinn. Und hieraus resultiert für das Supervisionsgeschehen seitens der Supervisorin und des Supervisors die Notwendigkeit einer stärkeren Didaktisierung des Angebots für den Supervisanden: Dem Vermittelnden (auch dem Supervisor) ist die Aufgabe gestellt, die innere Aktivität der Reproduzierenden (der Supervisanden) lediglich zu stimulieren, also Inhalte, Regeln, Merkmale und Kategorisierungen nicht einfach „vorzusetzen“. Vielmehr müssen individuelle Wege der Erkenntnisgewinnung kalkuliert werden, die seitens des Supervisors lediglich gestützt werden können. Erkenntnisgewinnung muss auch da wertschätzend geachtet werden, wo sie sich der direkten Beobachtung und auch dem „Abrechnen“ und vor allem der Bewertung entziehen.

 

Der klassisch systemische Ansatz unterscheidet sich vom systemisch-konstruktivistisch lösungsorientierten dadurch, dass letzterer ohne Hypothesen arbeitet. Entsprechend gestaltet sich die Art der Fragestellung, z.B.:

  • Was sind Ihre Kriterien für Beobachten?
  • Was möchten Sie statt dessen?
  • Wie ist das wahrnehmbar?
  • Woran merken das andere?
  • Angenommen, Sie möchten, dass Ihr Chef auch weiterhin ..., was müssten Sie tun?

 

Im systemisch-konstruktivistischen Ansatz geht es grundsätzlich darum, das Gute im Schlechten herauszufinden. Wertschätzung des Gegenübers wird in jedem Falle vorausgesetzt und praktiziert, positive Rückmeldungen werden formuliert - wie z.B. „Es scheint viel dafür zu sprechen, dass Sie das so weiter tun wie bisher.“ Der Arbeitsweg besteht hierbei darin, einen künftigen Zustand zu projizieren („Stellen Sie sich vor ... „ / „Angenommen ...“), um sich dann in gemeinsamer Annäherung den (möglichen) Lösungsschritten zuzuwenden („Wie sind Sie dahin gekommen?“)

 

Innerhalb des systemisch-konstruktivistischen Ansatzes in der Supervision stehen für die Stimulierung und aktive Begleitung von Problemlöseprozessen als Arbeitsmittel und Methoden mindestens folgende systemische Gesprächsformen und Interviewtechniken zur Verfügung:

  • Modelle und Formen des zirkulären Fragens (z.B. mit einer Orientierung auf den Sinn und die Schutzfunktion des Problems)
    (Datenerhebung, Informationsgewinnung und -erzeugung, Unterschiede finden, Unterschiede machen)
  • Gesprächsbegleitende Analyseverfahren
    (Beobachtung nonverbaler und paraverbaler Prozessmuster)
  • Interventionsformen
    (Nutzung von Metaphern und Geschichten)
  • Formen der Teamarbeit
    (Kooperation und Aufgabenverteilung, die Nutzung unterschiedlicher Konzepte und Sichtweisen, Arbeit mit einem reflecting team, lösungsorientierte Skulpturarbeit)

 

Durchführung und Methoden der Weiterbildungsveranstaltung bei Frau Neumann-Wirsig waren variabel auf die Wünsche und Ausgangsvoraussetzungen der Teilnehmer abgestimmt: zirkuläre Fragen, Falldarstellung, Rollenspiel, Kleingruppenarbeit, reflecting team, lösungsorientierte Skulpturarbeit.

 

 

Es galten für die Veranstaltung die gleichen Grundannahmen wie auch für die systemisch-konstruktivistische Arbeitsweise insgesamt:

  • Jeder Mensch hat Ressourcen, um das Problem selbst zu lösen. Zuerst und am wichtigsten ist also die Wertschätzung dessen, was anderen gelingt und hilft, ihr Leben zu bewältigen;
  • Kleine Schritte bewegen auch;
  • Ausnahmen weisen auf die Lösung hin; Situationen in denen das Problem nicht auftritt, zeigen in die richtige Richtung;
  • Menschen haben Ziele und sind bereit, etwas für das Erreichen dieser Ziele zu tun;
  • Kooperation ist unvermeidlich, aber es gibt verschiedene Formen von Kooperation (z.B. auch Widerstand (!)). Hierfür gelten die Annahmen: Der Klient hat keine Widerstände! Er weiß selbst am besten, was für ihn gut ist. Also war mein Impuls, meine Stimulierung, meine Intervention möglicherweise nicht so gut geeignet.

 

Problematisch erscheinen mir an der systemisch-konstruktivistische Arbeitsweise auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen folgende Aspekte.

Supervisanden könnten sich von der Form des zirkulären Fragens recht bald abgestoßen oder auch allein gelassen fühlen. Vor allem Menschen, denen „sozialisationsbedingt“ weniger Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Selbstreflexion zur Verfügung stehen, könnten recht schnell den Eindruck gewinnen, nicht ernst genommen zu werden. Die angezielte – und tatsächlich auch beabsichtigte – Wertschätzung des Klienten könnte dann schnell umschlagen in ein Gefühl des Alleingelassenseins, letztlich des Unverständnisses gegenüber oder der Ablehnung der Methode insgesamt. Besonders problematisch scheint mir die Orientierung auf „Es erscheint mir sinnvoll, es so zu lassen wie bisher.“ Hier hätten wir dann wohl in vielen Fällen eher eine Bestätigung der frustrierten Grundhaltung zu erwarten, etwa im Sinne von „Wusste ich es doch: Ich kann sowieso nichts ändern“!

Auch das Bewusstmachen der Möglichkeit alternativen Handelns, ohne es jedoch tatsächlich zu tun („Wenn ich es denn wollte, könnte ich!“), dürfte wohl nicht immer zielführend sein. In einigen Fällen wird vermutlich statt einer Entlastung der problematischen Situation sich eher wieder die Gewissheit durchsetzen, dass ich es wohl doch niemals anders versuchen werde ...

Problematisch erscheint mir auch die Orientierung auf den Sinn und die Schutzfunktion des Problems selbst – „Wovor schützt Sie das Problem?“ oder „Was hat das Problem für eine Funktion für Sie?“ Zu welchen Antworten könnten derartige Fragen führen?

Insgesamt halte ich es für problematisch, in jedem Falle auf eigene Ressourcen und Lösungsmöglichkeiten zu vertrauen. Mindestens in vollständig veränderten Systemen (z.B. nach Berufswechsel, nach Einführung eines vollkommen andersartigen gesellschaftlichen Systems, nach fundamentaler Veränderung der eigenen Lebensumstände usw.) funktionieren bisher erfolgreiche Lösungsmöglichkeiten oft überhaupt nicht mehr.

Für besonders problematisch halte ich die Anwendung der systemisch-konstruktivistischen Arbeitsweise dann, wenn scheinbar oder offensichtlich überhaupt kein Problem vorliegt; z.B. bei „verordneter Supervision“ (Dorando und Grün 2000, 25 – 29). Hier müssten die Supervisanden zunächst erst einmal für die Problemlage sensibilisiert werden. Besonders unsensibel für ihre eigenen Problemlagen scheinen Menschen in Arbeitskontexten zu sein, in denen Probleme normalerweise mit staatlicher oder andersartiger autoritärer Macht oder Gewaltausübung „gelöst“ wurden und werden: beispielsweise in Ostdeutschland bis zur Wende und Jahre darüber hinaus in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – nunmehr sind die Menschen eher hintergründigen und schwer durchschaubaren „westlichen“ autoritären Strukturen ausgeliefert („Wenn es Ihnen nicht passt, Sie müssen hier nicht ...“), aber auch anderswo ganz weit verbreitet in innerbetrieblichen Kontexten, in Schulen, an Universitäten, in Verwaltungshierarchien usw.

 

Trotz dieser Einlassungen zu Problematischem halte ich den systemisch-konstruktivistischen Ansatz in der Supervision für geeignet, vor allem Supervisanden mit gut ausgeprägtem Problembewusstsein Impulse und Begleitung für das Erkennen und Erleben zu ermöglichen, dass Komponenten ihres Arbeitsumfeldes veränderbar sind. Mindestens jedoch sind hieraus Impulse für das Erarbeiten von Alternativen zu erwarten, mit denen das Unveränderbare erträglicher wird – mittels veränderter Sichtweisen.

 

Besonders beglückend und bereichernd empfand ich die Möglichkeit, Angst ablegen zu können, indem ich mich auf mein Eigenes rückbesinnen konnte. Auf meine eigenen Ressourcen zurückverwiesen zu sein, steigerte Stück für Stück die Gewissheit, „es“ auch aus eigener Kraft zu schaffen, mich also auf meine Kreativität verlassen und einlassen zu können.

Menschen spüren Glück, wenn sie merken, „es“ fließt, sie müssen nichts dazutun. Das „Es“ kommt in den Vordergrund und übernimmt die Kontrolle. Die Öffnung für etwas, das mir in irgend einem Sinne schon vertraut ist, die Erinnerung an mich selbst, die Beschäftigung mit mir selbst, die Selbstentdeckung geben mir Zuversicht, machen mich stark und entwickeln meinen Selbstwert. Ich vergegenwärtige eine Erinnerung daran, wer ich eigentlich bin, ich bekomme eine Ahnung davon, wie ich gemeint sein könnte, welche Möglichkeiten ich habe.

 

Letztlich erscheint mir der systemisch-konstruktivistische Ansatz in der Supervision als eine Möglichkeit, einen Unterschied zu machen, etwas Neues in die Welt zu setzen, neue Ursachen zu setzen, um neue Wirkungen zu ernten. Die Weiterbildungsveranstaltung mit Frau Neumann-Wirsig hat mir Mut gemacht, diese Möglichkeit auch anderen Menschen zu eröffnen.

 

                                                                               

Literatur

 

Dorando, Max und Grün, Josef: Verordnete Supervision im Kontext betrieblicher Personalentwicklung, in: supervision, 3, 2000, 25 – 29.

 

Kersting, Heinz J. und Neumann-Wirsing, Heidi (Hrsg.): Systemische Perspektiven in der Supervision und Organisationsentwicklung [Institut für Beratung und Supervision Aachen], Aachen, 1996

 

Maturana, Humberto R. und Varela, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens, Bern und München, 21991

 

Schmidt, Siegfried J.: Erzählen ohne Geschichte. F. Mayröcker oder ein Exempel einer konstruktivistischen Narratologie, in: Werner, Hans-Georg und Müske, Eberhard (Hrsg.): Strukturuntersuchung und Interpretation künstlerischer Texte (Interdisziplinäres Kolloquium an der Sektion Germanistik und Kunstwissenschaften der MLU Halle-Wittenberg vom 15. bis 17. November 1988) (= Wissenschaftliche Beiträge / Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; 1991, 14, F 103)

 

Wrede, Axel: Über meine Bereitschaft, gewisse Dinge zu glauben, in: Zeitschrift für systemische Therapie, 2, 1990, 94 – 102

 

Achtsamkeitsmeditation in der Suchttherapie

 

Therapie von Suchterkrankungen beinhaltet das Suchen und Finden von geeigneten Alternativen zu den in der Vergangenheit erworbenen, aber heute ungeeigneten, lebensfeindlichen Prägungen. Mit dem bisherigen Denken und den alten Einstellungen die aktuellen Probleme lösen zu wollen, kann nur scheitern. Neues Verhalten, neues Denken, neue Einstellungen ermöglichen ein neues Erleben und damit letztlich ein gesünderes, suchtmittelfreies Leben.

Achtsamkeitsmeditation beinhaltet das unmittelbare Erleben des Augenblicks, in Bezug auf Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Sinneseindrücke. Durch Achtsamkeitsmeditation wird eine direkte, lebendige Erfahrung der eigenen Innenwelt ermöglicht, wodurch ein tieferer Kontakt zu sich selbst entsteht. Dies wiederum ermöglicht die Auflösung ungeeigneter, lebensfeindlicher Verhaltensmuster. Hier besteht das Ziel darin, sich auf das auszurichten, was wirklich „real“ ist, zu erreichen, aus der ewigen Erwartung, dass alles besser wäre, wenn es anders wäre, oder hätte nicht sein dürfen, oder müsste wieder gutgemacht werden, sollte gerächt werden usw. herauszukommen.

Achtsamkeit zielt darauf ab, mit dem im Einklang zu sein was ist. Was in unserem Bewusstsein auftaucht, können wir nicht steuern. Nicht im Alltag und auch nicht in Entspannungsverfahren, in der Imagination oder der Achtsamkeitsmeditation. Der Versuch, sich innerlich gegen plötzlich auftauchende Gedanken zu sträuben oder sie zu unterdrücken, wird auf Dauer misslingen, möglicherweise psychosomatische Erkrankungen hervorbringen oder den Einsatz von Suchtmitteln notwendig machen - oder beides, wie so häufig bei unseren Patienten. Die Alternative hierzu ist, Gedanken als geistige Ereignisse zu betrachten, ohne sie zu wichtig zu nehmen, ohne ihr Auftauchen zu bewerten, dabei eine freundlich-akzeptierende Grundhaltung gegenüber sich selbst aufrecht zu erhalten, zu dem was „wirklich“ ist – z.B.: „Ich bin, ich sitze hier, ich atme ... “ Akzeptieren muss jedoch nicht automatisch „Gutheißen“ bedeuten. Es geht eher darum zu lernen, auf destruktive Impulse nicht mehr „automatisiert“ zu reagieren. Das lässt sich erreichen, wenn wir das, was in uns auftaucht, nicht mehr persönlich nehmen, uns nicht damit identifizieren, uns davon distanzieren.

Als Übungsraum für Achtsamkeit haben wir in der Klinik Bad Blankenburg eine Achtsamkeitsmeditation nach Kabat-Zinn etabliert (siehe v.a.: Jon Kabat-Zinn: „Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung", Knaur Taschenbuch, 2011), damit zugleich dem Anliegen der Verbesserung der Qualität der Versorgung durch zielgerichtete und systematische Verfahren und Maßnahmen folgend (Punkt 6 des Leitbilds der Rehakliniken der FUEST FAMILIENSTIFTUNG).

In der Achtsamkeitsmeditation werden im Gegensatz zu einigen Entspannungsverfahren scheinbar „ablenkende“ oder „stressige“ Gedanken, Empfindungen oder physische Beschwerden nicht ausgeschlossen, sondern man bringt diese gezielt und aktiv ins Zentrum des momentanen Gewahrseins.

Durch das Verfahren der Achtsamkeitsmeditation können unsere suchtkranken Patienten innere Anspannungen, Stress, körperliche und seelische Schmerzen (z.B. aus Traumata resultierend) sowie auch zum Teil sehr intensive unangenehme emotionale Zustände wie Angst, Wut, Frustration, Enttäuschung, Unsicherheit, Wertlosigkeit, körperliches Unbehagen oder innere Unruhe, in das Feld ihres Gewahrseins treten lassen, ihnen auf diese Weise begegnen, sie akzeptieren, ja sie sogar willkommen heißen.

Letzteres klingt vielleicht unverständlich oder unglaubhaft, wird jedoch verständlicher, wenn man der Erkenntnis folgt, dass das Gewahrwerden der Wirklichkeit, so wie sie eben in diesem Augenblick ist, ob angenehm oder unangenehm, der erste Schritt hin zu einer Veränderung unseres Verhältnisses zu eben dieser Wirklichkeit sein kann.

Das Hier und Jetzt, also die Wirklichkeit, die „Realität“ (z.B. Gedanken, Gefühle und andere innere Vorgänge) wertungsfrei ins Gewahrsein treten zu lassen, sie anzunehmen, ist Ausdruck von tiefer innerer Freiheit. Das Erreichen dieser Freiheit ist erlernbar durch kontinuierliche Achtsamkeitsmeditation. Diese Freiheit tragen wir immer schon in uns. Bereits die feste Entschlossenheit, uns in diesem Sinne zu befreien, ist ein großer Schritt in Richtung der Befreiung vom Leiden. Achtsamkeitspraxis erinnert uns an dieses Potenzial in uns, sie bietet die Chance, aufzuwachen in unsere ursprüngliche, heile Natur.

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© Dr. Eberhard Müske